„GeWoBa“, mit Ge wie „gemeinnützig“

Als ich vor zwei Jahren mit der Internet-Schreiberei anfing, habe ich mal angekündigt, mich nicht nur um das große Ganze kümmern zu wollen, sondern auch um die kleinen Schweinereien bei mir vorm Fenster. Eine solche findet gerade statt.

„Wir können Ihnen die erfreuliche Mitteilung machen, dass…“, so fängt die Hölle an. Mit einem netten Brief verkündete im April meine WoBa, daß demnächst zwecks Wärmedämmung unser Hochhaus einige Monate zur Baustelle werde und danach die Miete erhöht werde. Der Brief beschäftigte sich vor allem mit der Berechnung der finanziellen Folgen für die Mieter. Man bat dann noch um die Zustimmung dafür, daß man mit den Arbeiten sofort beginnen dürfe.

Ich habe damals zurückgeschrieben.

„Sehr geehrte Frau …
Zunächst möchte ich Ihnen dafür danken, daß Sie diesmal die Mieter vor  dem Beginn von Baumaßnahmen um Zustimmung bitten.
Meine Antwort: NEIN!
1. Nein, ich bin nicht damit einverstanden, Sie von der 3-monatigen Ankündigungsfrist zu entbinden.
2. Nein, ich bin auch mit den angekündigten Maßnahmen nicht einverstanden.
Begründung:
– Die von Ihnen berechnete Mieterhöhung von 16,87 Euro ist angesichts meiner monatlichen Heizkosten von  zuletzt ca. 29 Euro nicht angemessen.
– Ich halte diese Mieterhöhung auch für unangemessen angesichts der gerade mal 8 qm Wandfläche, die bei mir zu isolieren wären. Meine Außenwand besteht überwiegend aus (jetzt bestens isolierter) Fensterfläche.
– Ich bin auch nicht damit einverstanden, daß die Fläche meines Balkons um ca. 1/2 qm (durch die dicke Isolierungsschicht) verkleinert wird.
– Nach den erheblichen Beeinträchtigungen durch den Einbau der (hässlichen und unpraktischen) neuen Kunststoff-Fenster letztes Jahr bin ich nicht bereit, schon wieder für Ihren sinnlosen Aktionismus Zeit und Lebensqualität zu opfern.
– Durch den Klimawandel ist in Zukunft kaum noch mit kalten Wintern zu rechnen.  Dafür aber vermehrt mit heißen Sommern. Die Kosten für (elektrische) Kühlung werden schon bald weit über den Heizkosten liegen. Sie sollten deshalb lieber in geeignete Sonnenschutzsysteme investieren und mit den Mietern über entsprechende Lösungen nachdenken.
Schönen Gruß …“

Darauf bekam ich immerhin eine Antwort. Man nehme meine „Ablehnung zur Kenntnis“, jedoch: „letztendlich sind Sie als Mieter jedoch verpflichtet, die Durchführung der Maßnahme zu dulden.“  Man ging sogar kurz auf eines meiner Argumente ein: die Dämmung würde nämlich auch im Sommer eine Isolierung gegen Hitze von außen bewirken. – (Ich muß wohl nicht erläutern, daß das Unsinn ist. Die Hitze kommt durchs Fenster.)  – Hierzulande ist es offenbar unüblich, solche Umbaupläne mit den Bewohnern durchzusprechen und an deren Wünsche anzupassen.

Seit zwei Monaten sind sie jetzt am „Arbeiten“. Zum Glück erstmal auf der anderen Gebäudeseite. Die alten Schieferplatten Asbestplatten* an der Nordseite wurden heruntergerissen und zerstört, der Beton an der Ostseite wurde mit Wasserdruckstrahl gereinigt, und dann eine etwa 30 cm dicke Schicht aus billigstem Schaumstoff Schaumstoff und Steinwolle angebracht. Um diese zu verankern, werden Dübellöcher gebohrt. Von morgens 7:00 Uhr bis 17:00 Uhr, fast pausenlos, ich weiß nicht mehr genau seit wieviel Wochen. Und der Beton ist sehr gut, das heißt man hört es im ganzen Haus und laut. An normales Arbeiten ist dabei kaum noch zu denken.

Die meisten Leute die hier wohnen, leben von Transferleistungen. Hartz-4-ler, Rentner, Blogger und andere Lebenskünstler, Sozialfälle. Es hätte für sie keinen Sinn, wegen der menschenunwürdigen Lärmbelastung eine Mietminderung zu verlangen. Diese wäre an den Staat zurückzuzahlen.

Anschließend wird alles neu gestrichen, in durchaus geschmackvollen Farben. Da sind sie jetzt bei, irgendwo bohren sie aber auch immer.

Inzwischen fangen sie auf meiner Seite an. Zunächst wird das Gerüst gebaut. Da wo dieses jetzt steht, war vorher ein unordentliches Gebüsch, nichts Besonderes, aber immerhin 35 Jahre alt. Es wurde teilweise kurzgeschnitten, überwiegend aber mit den Wurzeln herausgerissen.

Etwa 10 Meter vom Haus stehen drei schöne 20 Meter hohe Pappeln. Über deren zum Haus weisende Wurzeln fahren jetzt ständig schwere Baufahrzeuge, der alte Trampelpfad ist zur Piste geworden. Muß ich erwähnen, daß der Rasen rundherum von den LKW der „Arbeiter“ plattgewalzt worden ist?

Die Westseite, meine Seite, ist dem hiesigen feuchten Wetter ausgesetzt. An den Balkonbrüstungen und an den Sichtsperr-Elementen haben sich überall Flechten angesiedelt. Flechten brauchen Licht und Wasser, hier haben sie beides. Sie wachsen sehr langsam, und um diese Ausdehnung zu erreichen, haben sie 35 Jahre gebraucht. Auf die Stabilität des Betons haben sie keine Auswirkungen. Wenn überhaupt, kann ihre Beseitigung zu einer Beschädigung führen.  Man muß sie nicht schön finden, kann es aber. Ich finde sie sogar sehr schön.

Demnächst werden sie also per Wasserstrahl entfernt. Wenn sie in 35 Jahren wieder die jetzige Größe erreicht haben werden, werde ich wohl tot sein, so wie fast alle die ich kenne, auch die Hausbewohner und die GeWoBa-Leute. Das Haus wird unten im Nordseewasser stehen, die Isolierung wird herunterblättern, durch die Dübellöcher wird der Beton allmählich erodieren. Die meisten Fenster werden zersprungen sein. Die Hitze im Sommer wird für die letzten noch hier Ausharrenden unerträglich sein.

Aber die Aussicht ist immer noch toll.

Da war es noch ruhig.

Da war es noch ruhig.

Balkonflechten

Balkonflechten

Nachtrag I und Korrektur: die schwarzen Platten, die wie Schiefer aussahen, waren nur Eternit. Bei deren Entfernung haben die Arbeiter Atemschutzmasken getragen.
Bei der bis heute andauernden extrem lauten Bohrerei tragen sie dagegen keinen Gehörschutz. Allein auf meinem Balkon habe ich 24 Bohrlöcher gezählt. Man hat aus unerfindlichen Gründen auch die  Trennwände zwischen den Balkonen in Isowolle verpackt.
Jetzt kommt die Südseite dran, ein Ende ist allmählich absehbar.  (13.10.09)

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