Das Zeitenfenster (Erste Folge)

Ich habe kürzlich bemerkt, daß ich schreiben kann. Das bedeutet, daß ich mich an den Rechner setzen kann und schreibe, ohne daß ich vorher weiß, was. Und die Worte fließen in die Welt, ich weiß nicht woher sie kommen.

Ob ich gut schreibe, dürft ihr, verehrte Leser dieses Blogs, entscheiden. Hier kommt das erste Kapitel, mit dem Titel

1. romani

romani lebte in diesem haus, solange er zurückdenken konnte. das haus war sein ort und sein leben. von den sechzehn stockwerken lagen sieben über dem wasserspiegel, bei niedrigwasser kamen noch zwei dazu. romani konnte gut tauchen, aber bis zum grund hinunter war er noch nie gelangt. wie hoch das haus war, folgerte er aus den alten gußeisernen zahlensymbolen, die in jeder etage im treppenaufgang angebracht waren. romani kannte keine zahlen. aber er wußte, daß es so viele ziffern gab wie der mensch finger an den händen hat, und die zweite ziffer bei der obersten ebene war die selbe wie die einstellige zahl auf jener ebene, die er beim tauchen noch leicht erreichen konnte.

romani dachte viel nach über dieses haus. jemand mußte es dereinst gebaut haben, zu einer zeit, als hier noch trockene erde war. und es mußten damals  viele menschen hier gelebt haben. jedes stockwerk hatte die gleichen wände, durch die jeweils neun kleine abteile gebildet wurden, sowie einen langen verbindungsgang. daneben lag das treppenhaus, außerdem gab es noch einen langen schacht, der die ebenen senkrecht durchschnitt und miteinander verband. im schacht war ein langes eisen angebracht, an dem entlang man hinauf und hinunter klettern konnte.

die einzelnen abteile waren alle von gleichem grundriß, doch unterschieden sie sich sehr voneinander. manche waren leer, in anderen standen die verschiedensten möbelstücke. romani war der bewohner des hauses, er kannte jede einzelne dieser wohnungen, und er versuchte, sich aus den hinterlassenen resten ein bild von deren früheren bewohnern zu machen. es kam vor, daß er einen ganzen tag in einer der wohnungen verbrachte und sich einer versenkungsübung hingab, um ganz nah an dieses wesen aus einer anderen zeit, einer anderen welt heranzugelangen.

jede wohnung hatte ein fenster, welches beinahe die ganze breite der außenwand einnahm. in den fensteröffnungen hingen noch reste einer plastikkonstruktion, die offenbar früher glasscheiben festgehalten hatte. romani hatte manchmal einzelne scherben und splitter davon entdeckt, die noch in den rahmen festsaßen.

es gab eine wohnung, die anders war als alle anderen. hier gab es noch ein nicht zerstörtes glasfenster. es war auch die einzige wohnung mit einer intakten tür, die den zugang vom etagenflur her verschloß. da romani weder die tür öffnen konnte noch vom balkon her das fenster (er war oft mit einem seil von der wohnung darüber dort hingeklettert und hatte durchs fenster hineingesehen), war ihm der zutritt immer unmöglich gewesen. der gedanke, das fenster, die einzige intakte glasscheibe in seiner welt, zu zerstören, war ihm dabei nie gekommen.

vor zwei tagen hatte romani einen seltsamen traum gehabt. er hatte im traum einen mann gesehen, der in einer wohnung lebte und durch ein glasfenster hinaus aufs meer blickte. der mann konnte die zeit anhalten und zurückdrehen, wie es ihm gefiel. und er hatte romani gebeten, doch zu ihm in die wohnung zu kommen. „wie kann ich denn zu dir hineinkommen?“ „geh durchs fenster“ hatte der mann geantwortet.

gestern hatte romani wieder ein seil an der eisernen brüstung im elften stockwerk angebracht und hatte sich hinuntergelassen. das fenster stand offen.

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