Das Zeitenfenster (Zweite Folge)

Jeden Tag ein neues Kapitel? leider nicht, auch wenn ich selbst es vor Spannung schon kaum noch aushalte. Aber es wird jetzt wohl erstmal etwas länger dauern, bis es weitergeht. Hier ist das zweite Kapitel, mit dem Titel

2. mali

die szenerie ist bereits bekannt. das haus, das bis zu den knien im wasser steht. die leeren wohnungen ohne türen und mit fenstern ohne glas. romani ist noch ein kleiner junge, der gerade laufen und schwimmen gelernt hat. seine mutter mali ist die einzige person in seinem leben. von ihr hat er die sprache, die lieder, das vertrauen.

mali geht es nicht anders als später ihrem sohn, auch sie weiß nichts über die erbauer des hauses, auch sie wundert sich über deren hinterlassenschaften. in einer der wohnungen hängt an der wand ein bild, aus plastikwolle gewebt, auf dem hohe berge und unbekannte wesen zu sehen sind. sie erinnern an vögel, haben aber statt flügeln zum fliegen viele bunte federn, und auf jeder davon ein auge.

auch mali kennt weder zahlen noch buchstaben. sie hat vor jahren mal einige alte bücher gefunden, deren seiten aus plastik waren und auf denen noch schriftzeichen und einige bilder erkennbar waren. sie hat lange über die bedeutung dieser relikte gegrübelt. noch mehr als von den unbekannten zeichen war sie durch die abbildungen irritiert, auf denen fast immer eckige kästen mit kleinen knöpfen und einem glasfenster zu sehen waren. eines der bilder zeigte einen großen blumenkohl, größer als unser hochhaus. dieses bild hatte mali herausgerissen und mit anderen dingen in einer kleinen blechdose verwahrt.

mali hat eine wohnung im zweitobersten stockwerk als wohnraum für sich und das kind eingerichtet. sie hat dort ein paar möbel aus holz, ein bett mit einer matratze aus vogelfedern und einer plastikplane, ein paar dosen mit nützlichen dingen, die sie alle irgendwann gefunden hat, und spielzeug, das sie dem jungen aus holzresten gebastelt hat. auf dem dach baut sie getreide und ein paar gemüse- und kräuterpflanzen an. es gibt dort auch einige bäume, darunter auch einen uralten birnbaum, der noch jedes jahr reiche früchte trägt. vor einigen jahren hat mali es nach vielen fehlgeschlagenen versuchen geschafft, davon einen ableger zu ziehen. auf dem dach stehen auch die plastikeimer, mit denen mali das regenwasser auffängt.

jeden morgen steigen die beiden die zehn stockwerke bis zum meer hinab. mali kontrolliert die angeln, hält ausschau nach treibgut, entleert sich, wäscht sich, wäscht manchmal ihre kleidung. romani spielt im wasser und übt sich auf einem der balkone im schwimmen. heute hatte mali glück, gleich drei fische hatten den köder geschluckt und zappelten an der angelschnur. mali nahm sie ab, tötete sie mit einem steinschlag auf den kopf, und packte sie in eine plastiktüte. sie hängte diesmal keine neuen angeln aus.

als mali und romani die treppe wieder hochstiegen, ein stück hatte sie den kleinen getragen, hatte mali eine idee. jene wohnung in der zehnten etage, die immer verschlossen war. wenn sie der tür einen fisch schenkten, vielleicht würde sie sich dann öffnen. da sie ja einen über hatten, fiel der verzicht nicht so schwer. sie legten also einen fisch auf die türschwelle, mali sagte ein paar freundliche worte zu der tür und dann wanderten sie weiter hoch, zu ihrer wohnstätte. dort brieten sie die beiden anderen fische über einem kleinen feuer aus treibholz und getrockneten algen und verspeisten die leckerbissen, nachdem sie sich nochmal bei den beiden tieren für die hergabe ihres lebens bedankt hatten.

als mali am nächsten morgen hinuntergeht, den jungen hat sie heute obengelassen, sieht sie vom treppenhaus aus, daß die tür, vor welche sie den fisch gelegt hat, offensteht. sie erledigt zunächst unten ihre morgendlichen verrichtungen, dann kehrt sie dorthin zurück und betritt erstmals in ihrem leben einen raum mit einem glasfenster. ein alter mann mit langem grauen bart begrüßt sie freundlich.

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5 Antworten to “Das Zeitenfenster (Zweite Folge)”

  1. Guinan Says:

    Verwirrender Stil. Ich bin mir noch unschlüssig, ob/wie mir deine Geschichte gefällt. Jedenfalls hast du mich soweit gefesselt, dass ich erstmal weiter mitlese.

  2. rauskucker Says:

    Danke für dein Interesse. Was meinst du mit „verwirrender Stil“?
    Daß die Handlung zunächst etwas verwirrend sein mag, ist wohl so vorgesehen. Ich hoffe, daß ich das überhaupt zu einer „Geschichte“ hingebogen bekomme. Ich habe nämlich nur ein paar Bilder vor Augen, was daraus entsteht, ist noch ungewiß. Etwa so ähnlich wie bei Muriels „Just Three words“.

  3. Guinan Says:

    Mit verwirrendem Stil meine ich den teilweise ziemlich abgehackten Satzbau und deine Entscheidung für die konsequente Kleinschreibung. Du wirst einen Grund dafür haben, also frage ich mich verwirrt, welcher das sein könnte.

  4. rauskucker Says:

    Ah ja, danke. Die Kleinschreibung hat einen simplen „technischen“ Grund, der möglicherweise in einem späteren Kapitel angedeutet worden sein wird. 😉

  5. Guinan Says:

    …worden sein wird – lässt jedenfalls einiges erhoffen 🙂

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