Im ICE von Duisburg nach Auschwitz

Wir werden alle verrecken. Oder fast alle.

Wir stecken alle in diesem überhitzten Schnellzug, der sich nicht anhalten läßt, dessen Klimaanlage jemand kaputt gemacht hat, dessen Fenster man nicht öffnen kann, dessen Lokführer verrückt sind.

Wir stecken alle in dieser dichtgedrängten Menschenwelle, die auf einer engen Rampe zusammengepfercht wird, ohne Ausgang, mit nur einer Überlebenschance, nämlich wenn wir bereit sind, auf die schon am Boden Liegenden zu steigen und so noch etwas frische Luft zu erhaschen.

Wir alle geraten durch Enge, Hitze und Ausweglosigkeit in Panik, das Adrenalin treibt uns wahlweise in die Raserei oder lähmt uns zur Schockstarre.

Wir sind alle daran beteiligt, weil wir ja Teil der Masse sind.

Aber wir alle haben das gar nicht zu entscheiden gehabt. Wir wollten nur mit dem Zug fahren. Wir wollten nur Party feiern. Wir wollten nur ganz normal leben. Wir wollten nicht den Planeten zerstören.

Aber genau das ist es, was wir tun. Von den sieben oder acht Milliarden Menschen, die heute die Erde bevölkern, wird irgendwann im Laufe dieses Jahrhunderts nur noch ein kleiner Rest überbleiben. Man kann spekulieren, je nachdem, wann und wie schnell die Dinge eskalieren oder sich dahinschleppen, ob es danach eher noch 80.000 oder vielleicht doch noch 800 Millionen sein werden.

Was man aber aus den Vorfällen der letzten Zeit sicher vorhersagen kann ist, daß sich niemand für die Katastrophe schuldig fühlen wird. Das habe man nicht gewollt, nicht gewußt, nicht zu verantworten. Ein Massenmord an Milliarden Menschen, ein Genozid und Geozid, und niemand war’s gewesen.

Die große Katastrophe hat aber jetzt schon einen klaren Schuldigen, der mit einem Begriff bezeichnet wird, den ein großer prophetischer Denker schon vor 150 Jahren geprägt hat, welcher vor eben diesem Untergang der Zivilisation auch schon gewarnt hat, wenn die Menschheit es nicht schaffe, zu einer vernunftgesteuerten Lebensweise zu finden. Der Mann hieß natürlich Karl Marx, und das zu tötende Monster heißt Kapitalismus. (Wer es mehr mit dem Bergprediger hat, der vor 2000 Jahren herumzog und das Leben in Besitzlosigkeit empfahl: der wußte zwar noch nichts von der Gewalt der kapitalistischen Maschine, aber das gottlose Wesen des Besitzstrebens und seine Folgen hat er genauso deutlich erkannt.)

Und so, wie wir alle, jeder von uns, der sich auch nur ein Wenig mit dem Weltgeschehen und den Naturgesetzen beschäftigt hat, wenn nicht wissen so doch ahnen, daß der Tod der Zivilisation kommen wird, so wissen das natürlich auch unsere Politiker, ob sie nun versuchen, hier und da noch ein unbedeutendes Stellschräubchen zu justieren, oder ob sie penetrant merkelig das Immersoweiter, das Immermehr und Immerschneller noch propagieren und hätscheln.

Wir alle zusammen müssen den Zug anhalten. Die Fenster einschlagen. Den Lokführer entmachten. Den Tunnel verlassen. Die Stürzenden auffangen. Mit dem Glauben an Eigentum und unbeschränkten Reichtum aufhören. Uns endlich nehmen, was uns allen zusteht: Leben, Essen*, eine Wohnung, eine sinnvolle Arbeit, Bildung, Medizin, Kultur, Liebe.

Und auch dann werden wir es sehr schwer haben, auf diesem hoffnungslos überfüllten und geschändeten Planeten.

* und seit heute auch Wasser

Noch Etwas (Nachtrag) : Es sind nicht nur die schuld, die uns in die Tunnel gesperrt haben. Auch wir selber haben einen Fehler gemacht, als wir dort hineingingen, weil wir glaubten, daß dort keine Gefahr bestünde. Als wir meinten: „wenn man uns hier hineinläßt, wird es wohl richtig sein, die Verantwortlichen da oben haben das bestimmt alles genau durchdacht. Wenn es gefährlich wäre, wäre es doch verboten.“ Das lernen wir: die haben nichts durchdacht, und die verantworten auch nichts. Ihnen zu trauen kann tödlich sein. Wir allein müssen die Folgen tragen. Bei jedem Einkauf im Supermarkt und in jeder Minute auf der Arbeit ebenso wie bei Fragen von Krieg und Frieden.

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6 Antworten to “Im ICE von Duisburg nach Auschwitz”

  1. Tweets that mention Im ICE von Duisburg nach Auschwitz « rauskuckers Blog -- Topsy.com Says:

    […] This post was mentioned on Twitter by YiGG, Ulf Hundeiker. Ulf Hundeiker said: Im ICE von Duisburg nach Auschwitz http://yigg.it/0uz81 @yigg […]

  2. mada1008 Says:

    Hallo,

    toller Text, eine prima Zusammmenschau der Ereignisse der letzten Tage und auf eine globale Sicht vergrößert. Schön auch die Wortschöpfung „merkelig“.
    Ob uns eine vernunftgesteuerte Lebensweise allein rettet, bezweifle ich. Immerhin hat uns unser Verstand (=Vernunft ?) dorthin gebracht, wo wir sind. Und der Bergprediger hat was anderes als Vernunft gepredigt:
    Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst. Der Nächste wird heute viel zu eng gefasst. Und was lieben wirklich bedeutet, weiss auch kaum einer.
    Hier sei ein Hinweis auf „Die Kunst des Liebens“ von Erich Fromm erlaubt und auf „Haben oder Sein: Die seelischen Grundlagen einer neuen Gesellschaft“ verwiesen.
    Diesen dort vertretenen Ansatz finde ich gut. (Übrigens war Erich Fromm meines Wissens sehr vertraut mit den Schriften von Marx).
    Zur Theorie fehlt den meisten Menschen die Praxis: nämlich wie kann man dem Sein den Vorrang vor dem Haben geben? Wie kann ich (wieder) mein Sein, unser Sein leben, erleben, erfahren? oder sogar Eins-Sein erfahren?
    Noch ein paar wichtige Denker fallen mir dazu ein:
    Ken Wilber und LaoTse.

    Viele Grüße

    mada1008

  3. Manfred Says:

    Hallo, rauskucker und mada1008!

    Ich schließe mich dem Kommentar an und muss sagen: Klasse Artikel! Würde mich freuen, wenn das Lesen und Kommentieren meines (hiermit verlinkten) Blog-Beitrags mitgeholfen hätte, Dich dazu zu inspirieren!

    Tipp @mada1008: Ich versuche in meinem Blog-Beitrag (wenn auch ohne expliziten Bezug auf den phantastischen Erich Fromm) Hinweise zu genau diesem Komplex zu geben: Ich habe ja nichts Grundsätzliches gegen eine Loveparade einzuwenden, jeder mag feiern wie er lustig ist. Nur ist die bezugslose Belustigung im Rahmen einer Loveparade dem „Haben“ zuzurechen, da die allermeisten Teilnehmer vermutlich dorthin gepilgert sind, um anderntags sagen zu können „Ich war dabei“, denn wer dorthin fuhr um zu „feiern“, kann sich dies nur unter völliger Ausblendung des Zustands unserer Gesellschaft vorgenommen haben, den rauskucker oben so plastisch umreißt! Ich kann mir nicht vorstellen, dass auch nur einer unter den 1,4 Millionen Teilnehmern zu der Sorte Mensch gehörte, die dem „Sein“ mehr Bedeutung zumessen, sich in ihrem Alltag bewusst mit der Gestaltung unserer auf den Abgrund zudriftenden Gesellschaft beschäftigen und die Loveparade gewissermaßen als Erholung von diesem Engagement ansahen. Zur Mainzer Jeden-Monat-Demo erscheinen jedenfalls seit mehr als einem Jahr etwa ein Dutzend Menschen, keine tausend, zehntausend oder gar hunderttausend – von Millionen ganz zu schweigen…

  4. rauskucker Says:

    @mada
    Danke für den lieben Kommentar.

    Das mit der Vernunft sehe ich etwas anders. Das ist ja noch nie wirklich ausprobiert worden, weil leider die Aufklärung zusammenfiel mit dem Hochkommen des industriellen Kapitalismus. Wir sind damit aber bis heute noch kaum weitergekommen als zu Zeiten des großen Friedrich und Kants. Die Probleme kommen nicht von zuviel Vernunft, sondern von zu wenig, vom völlig irratinalen und blinden Streben nach ewigem „Wachstum“, vom primitiven Glauben an das Eigentum und von der immer wieder siegenden antidemokratischen Unvernunft der jeweils gerade regierenden „Eliten“.

    Aber vielleicht reicht Vernunft allein noch nicht für eine bessere Ordnung. Ein wenig geistige „Rückbindung“ ist vielleicht auch hilfreich, wenn sie ohne Dogmen und Machtansprüche auftritt.

    Danke für den Hinweis auf Erich Fromm: in dem bekannten Buch von ihm steht z.B. auch dieses:
    „Die Gesellschaft muß so organisiert werden, daß die soziale, liebende Natur des Menschen nicht von seiner gesellschaftlichen Existenz getrennt, sondern mit ihr vereint wird; daß er nicht von seinen eigenen Kräften entfremdet ist und sie nur in der Anbetung der neuen Götzen – Staat, Produktion,Konsumption –
    in vermittelter Form erlebt. Nur in einer Gesellschaft, in der, wie Marx gesagt hat, die volle menschliche Entfaltung des Einzelnen die Bedingung der vollen Entfaltung aller ist, kann auch die Liebe zu einer gesellschaftlich relevanten Handlung werden.
    (…) muß jede Gesellschaft, die die Entwicklung der Liebe ausschließt, letzten Endes an ihrem Widerspruch zu den grundlegenden Notwendigkeiten der menschlichen Natur zugrunde gehen.“

  5. Harald Says:

    Auf den Punkt gebracht. Genau auf den Punkt.

    Aber ich habe eigentlich kaum noch Hoffnung. Erst wenn die Leute wirklich Geld essen müssen, weil sonsts nicht mehr da ist, erst dann werden sie begreifen… (was ein Indianerhäuptling schon vor langer Zeit gesagt hat/haben soll)

  6. rauskucker Says:

    @Manfred: sorry, war im Spam gelandet (2 mal). In so einem Fall bitte ne mail schicken, ich seh manchmal wochenlang dort nicht nach…
    Nö, war keine Inspiration deinerseits. Ich habe das ganze Netz abgesucht und festgestellt, daß ich das mal wieder selber schreiben muß. Dabei finde ich den Gedankengang sehr augenfällig. Fand ich ja schon bei der geradezu allegorischen ICE-Klimakatastrophe neulich.
    Trotzdem Dank für deinen Kommentar. Ich schätze, daß mindestens 37 ziemlich vernünftige „Sein“-Leute mit in dieser Rave-Masse waren.

    Zum Beispiel der Hobbyfilmer, dem wir diese vier beeindruckenden Videodukumente aus Duisburg verdanken (speziell der dritte Teil davon), die einiges über das Wesen der Menschen verdeutlichen:

    http://www.youtube.com/user/pizzamanne#g/u

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