Das Zeitenfenster (Vierte Folge)

Das vierte Kapitel läßt ein regelmäßiges Muster erscheinen, was aber täuschen könnte. Es heißt, und damit mußte man schon fast rechnen:

4. pauli

sie war nicht erstaunt, ihn hier anzutreffen. bisher waren die menschen denen sie begegnet war, alle plötzlich auf der bildfläche erschienen und genauso schnell wieder verschwunden. so wie jener händler, der eines tages mit seinem segelboot unten angelegt hatte, der ihr einige brauchbare werkzeuge, schnüre und essbares dagelassen hatte, und mit dem sie einige kurze heftige zärtlichkeiten ausgetauscht hatte. bald danach hatte sie einen dicken bauch bekommen und dann ihren sohn zur welt gebracht. den händler hatte sie nie wieder gesehen.

der alte hob zum gruß die hand, lächelte freundlich und sagte etwas, das mali nicht verstand.
„sei gegrüßt, hüter der wohnung“, antwortete sie.

er schien damit zufrieden, er nickte und wies ihr mit einer armbewegung den weg ins zimmer. und jetzt staunte mali doch. der raum war vollgestopft mit einer unzahl von dingen. an allen wänden erhoben sich holzgerüste, in denen auf waagerechten brettern blechdosen, bücher, technische geräte, große und kleine fenster, bunter bilder, und lauter für die junge frau völlig fremde gegenstände standen. mali wurde schwindelig, sie wußte nicht, wohin sie zuerst blicken sollte, ihre suchenden augen fanden nichts, was ihr vertraut und freundlich erschien. auch im nebenraum mit dem wasserbecken stapelten sich schachteln und gerätschaften aus unbekanntem material, und immer wieder bücher. den einzigen ruhepunkt bildete das fenster, hinter dem sie die gewohnte aussicht wahrnahm, mit dem meer bis zum horizont und den beiden steinruinen, die sich rechts und links aus dem wasser hoben.

der alte hatte die eingangstür wieder geschlossen und sich auf ein möbelstück gesetzt, das aussah wie ein stuhl, auf dem er aber hin und her rollen und sich im kreis drehen konnte. er hatte einen anzug aus dünnem rotem stoff an. mali war nackt, wie immer, aber das war nichts, worüber sie sich gedanken machte. da sie keine andere sitzgelegenheit entdeckte, setzte sie sich auf den boden, der von einem weichen, buntgemusterten stoff bedeckt war.

der mann blickte sie an und fing an, zu ihr zu reden, lange, ernste sätze in einer fremden sprache. sie hatte das gefühl, er würde ihr sagen, daß er mit ihr sprechen wolle, aber sie ihn ja leider nicht verstehen könne, und er deshalb etwas ratlos wäre. er lachte.

mali fühlte sich trotz ihrer verwirrung wohl bei diesem seltsamen kerl. ihr fiel ein, daß sie sich noch gar nicht vorgestellt hatten. sie stand wieder auf, legte die handflächen zu einem trichter zusammen, der auf ihr herz zeigte.

„ich bin mali“
„üch bön paul“, antwortete er und sie gaben sich die hände und lachten beide.

malis augen wanderten wieder über die wände voller fremder dinge. pauli griff nach einem hölzernen rohr, das oben auf einer blechdose gelegen hatte und führte es an seine lippen. mit den fingern hielt er einige löcher in dem rohr zu, und dann kamen dort plötzlich töne heraus, die sich änderten, wenn er die finger bewegte. er spielte eine einfache melodie und mali sang sie nach, dann sang sie ein lied und er spielte es nach, und auf einmal hatten sie so etwas wie eine gemeinsame sprache gefunden.

später nahm pauli einen kleinen grauen kasten in die hand, der auf einem möbelstück vor dem fenster gelegen hatte. er wies mali auf einen roten knopf hin, dann zeigte er auf eine der gläsernen scheiben in dem großen regal und drückte auf den knopf. das glas war vorher schwarz-spiegelnd gewesen und wurde jetzt plötzlich hell. pauli drückte auf einen anderen knopf und ein bild erschien. mali sah eine frau in einem großen raum voller technischer geräte, die frau wurde immer größer, dann fing sie offenbar an zu sprechen, was aber nicht zu hören war. pauli gab mali den grauen kasten in die hand und wies sie auf zwei weitere tasten hin. als mali darauf drückte, hielt die frau auf dem bildschirm mitten im wort inne und das bild blieb stehen. ein weiterer druck, und sie redete weiter. jetzt kamen ganz andere bilder, eine steinerne wand und eine menge von menschen, von denen nur die köpfe zu sehen waren. sie wogten hin und her, wie wellen auf dem wasser. mali war irritiert, weil sich die blickrichtungen ständig änderten, als würde sie hin und her hüpfen. und dann war der gleiche ort zu sehen wie eben, aber die menschenmenge war fort und am boden lagen leblose körper, zwischen denen einige männer in schwarzen anzügen herumliefen.

Mali drückte wieder auf den knopf zum anhalten und das bild fror ein. pauli nahm den schaltkasten, drückte rasch einige tasten, und das bild vergrößerte sich. mali sah jetzt, daß rund um die toten körper blut den boden bedeckte. sie wandte sich von dem bild ab und sah den alten mann fragend an.
„warum?“
pauli ließ den film weiterlaufen, hielt ihn dann wieder an und wies mali auf ein schild hin, auf dem ein einzelnes wort geschrieben stand. er zeigte darauf und sagte ebenfalls, jetzt in ihrer sprache:
„warum.“

mali fing an zu weinen.

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7 Antworten to “Das Zeitenfenster (Vierte Folge)”

  1. Guinan Says:

    Ich bin noch dabei – und von diesem Kapitel besonders angetan.

    Legst du eigentlich überhaupt Wert auf Feedback? Oder schreibst du mehr zum eigenen Vergnügen?

  2. rauskucker Says:

    Das freut mich.

    Ich schreibe aus Vergnügen und freue mich, wenn es jemand vergnügt. Oder jemand wenigstens ehrlich ist, wenn es wirklich ganz schlimm sein sollte. Oder ich meine Versprecher nicht einhalte …

  3. rauskucker Says:

    Du darfst mir auch gerne sagen, was dir daran gefallen hat. Das könnte den Fortgang der Geschichte beeinflussen.

    Ich plane übrigens ein multimediales Kapitel.

  4. Guinan Says:

    Echt interaktiv? Schön.
    Erstmal kam es mir wirklich so vor, als würde ich da ein Muster erkennen – und das gefiel mir schon mal. Außerdem ist das Kapitel ja endlich mal etwas länger – das ist aber noch ausbaufähig.
    Dann sind deine Sätze inzwischen vollständiger, da ich selbst zu Bandwurmsätzen neige, ist der Schreibstil für mich einfach angenehmer zu lesen.
    Von Inhalt her – ich lese gerne über starke, selbstbestimmte Frauen, und so kommt Mali mir bisher vor.
    Den Absatz mit der musikalischen Sprache fand ich am schönsten geschrieben.

    Dein ‚multimediales‘ Kapitel habe ich inzwischen gelesen. Der Einstieg gefällt mir gut, der eingebaute Brief nicht. Das ist mir zu schräg, zu sehr aus der Richtung, die die Geschichte bisher genommen hat.
    Endzeitszenarien mag ich, aber ganz allgemein ist mir zuviel Sozialkritik oder Ähnliches in einer Geschichte immer sehr schnell – nun ja – eben zuviel. Da bin ich dann sehr schnell sehr genervt.

  5. Guinan Says:

    Deine Uhr geht falsch 🙂
    Meine zeigt jetzt 12:55

  6. rauskucker Says:

    Welches Jahr?

  7. Guinan Says:

    Falsche Frage. Welches Jahrhundert!

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