Hetzjagd auf Bestien

Da das Volk langsam unzufrieden mit den Herrschenden zu werden droht, sucht man in den Propagandaabteilungen immer nach Ablenkungen für die da Unten. Das können neckische Spiele wie Fußball sein. Oder die stumpfmachende Dauerberieselung im Fernsehen. Noch besser aber ist es, wenn es gelingt, dem Volk einen bösen und bedrohlichen Feind vorzuwerfen, den es dann jagen und zerfleischen darf. Wenn es diesen Feind nicht gibt, erfindet man ihn.

Seit Jahrzehnten (seit den Strafrechts- und Strafvollzugsreformen der 70er Jahre, als das Wort „Reform“ noch eine Bedeutung hatte) sinkt in Deutschland die Zahl der schweren Gewaltverbrechen. Ebenso die Zahl der Sexualdelikte. „Bild“ und andere Verbreitungsmittel für Lügen fördern das gegenteilige Gefühl der wachsenden Bedrohung. Ihre Aufgabe ist es, einen Feind zu konstruieren und die Gefühle aufzupeitschen. Da ist dann täglich von „Bestien“ , „Dreckschweinen“ oder auch mal „Monstern“ die Rede. Was auch immer die so Titulierten getan haben (oder auch nicht): sie sind Menschen, ihnen stehen Menschenrechte solange und soweit zu, wie diese nicht durch Gerichtsurteil beschränkt wurden. Und selbst dann ist ihre Menschenwürde unverletzlich, so will es unsere Verfassung. Deshalb haben wir die Todesstrafe abgeschafft, die Folter, die Prügelstrafe, den Pranger. Und die Lynchjustiz.

Wer einmal damit anfängt, Menschen das Menschsein abzusprechen, der wird damit weitermachen. Der wird dann auch bei Hartz-4-lern keine Hemmungen haben, gegebenenfalls auch nicht bei Muslimen oder Zigeunern, bei Behinderten, bei Kommunisten, bei Juden. (Jede dieser Gruppen ist bereits Opfer solcher Ausgrenzung geworden.) Der wird auch nicht zufrieden sein, wenn „die Bestien weggesperrt“ sind. In Zeiten angeblich knapper Kassen werden Vorschläge folgen, wie man bei den „Bestien“ am Futter und der Heizung und an überflüssigem Betreuungspersonal sparen könne. Der teure und schwerfällige Justizapparat kann dann ja durch die weise Vorverurteilungsrechtsprechung der „Bild“ ersetzt werden. Die hat bekanntlich ein Herz für Kinder.

Wie sich diese Volksverhetzung bei einem gewissen Rechtsanwalt aus Hamburg anhört, und welche geistigen Folgen sie beim verhetzten Pöbel hinterläßt, zeigt dieses Video.

Dazu passend hier noch ein Hinweis auf einen lesenswerten Artikel zum Thema „Todesstrafe für Kinderschänder“.

Und hier der Link für den „Zapp“-Beitrag vom 4.8. als Ganzem.

Advertisements

6 Antworten to “Hetzjagd auf Bestien”

  1. Tammox Says:

    So ist das – die Deutschen sind einfach zu doof, um rational mit der Realität umzugehen.
    Darüber hatte ich mich schon am Donnerstag, 29. Juli 2010, zehn Tage vor dem Zapp-Bericht, empört.

    http://tammox.blogspot.com/2010/07/ein-volk-besteht-aus-idioten.html

    Das ist das Gefährliche an der Mediendemokratie – die Leute lassen sich eben sehr leicht aufhetzen und dann wählen sie auf einmal Wilders, Le Pen und Haider.

    Man denke nur an Amerika Ende 2001 – die waren ja nun geradezu heiß darauf irgendwo Krieg zu führen. Ich glaube manchmal, daß auch ein weniger krimineller und weniger verblödeter US-Präsident als GWB irgendwo einmarschiert wäre – nur, um ein Ventil zu finden, aus dem der Wahn der Bürger sich entladen kann.

    Die winzige Minderheit, die damals gesagt hat, daß Saddam zwar eine Megaarschloch sein mag aber mit dem World Trade Center nun wirklich nichts zu tun hatte, oder daß es im Irak keine Massenvernichtungswaffen gibt, konnten sich in so einer aufgeheizten Stimmung kein Gehör verschaffen. Die Amis wollten Blut sehen.

    Und so ist das auch kleiner Ebene auch.
    Da wird dann alles in einen Topf geworfen und der Mob kommt in Lynchlaune auf die Straße.
    Zum Beispiel fiel mir auf, daß die fast alle bei dem Hans-Peter W. von „Kinderschänder“ sprachen. Und die keifenden Anwohner bliesen sich alle vor den TV-Kameras auf, daß sie schließlich kleine Kinder hätten.
    Dabei ist das komplett irrelevant.
    Der „W.“ war nie ein Kinderschänder.

    (Da sollten die sich mal lieber vor katholische Kirchen stellen und rumgrölen – das wäre passender!!)

    Der W. hat zwei erwachsene Frauen vergewaltigt. Was ich natürlich nicht kleinreden will – aber pädophil ist er nun mal nicht.
    Aber wenn der Mob in Rage ist, wird der Vorwurf eben auch noch dazu gepackt – weil es eben das Schlimmste ist.
    Solche Gerüchte kann man nicht bekämpfen, aber man kann sie sich zu Nutze machen, oder sie gezielt streuen.

    Das passiert zum Beispiel jetzt in den USA mit den „Vorwürfen“, daß Obama Moslem wäre. Die Typen von der GOP, die das bedienen, wissen natürlich genau, daß das nicht stimmt, aber man kann es ihm eben gut anhängen.

    LGT

  2. rauskucker Says:

    Danke für deine Erläuterungen. Mich stört darin nur das Wort „Mediendemokratie“. Das sind ja eben nicht demokratische Medien, sondern solche die besonders reaktionären Teilen der herrschenden Klasse gehören und von diesen sehr gezielt für ihre Interessen benutzt werden. Wie damals Hugenberg. Wen werden sie den Massen nächstesmal als neues Idol empfehlen? Damals Hitler, neulich Schill und bald diesen Anwalt?

    Nach demokratischen Spielregeln gehörte fast jede einzelne Ausgabe der Bild-Zeitung verboten. So wie die Naziblätter, aber selbst die sind inzwischen an jeder Ecke zu bekommen.

    Andererseits spielen Zeitungen heute natürlich bei weitem keine so große Rolle mehr. Vielleicht sollte ich (oder Zapp) mal mehr kucken, was nachmittags bei „Brisant“ so an Irrsinn abläuft.

  3. Tammox Says:

    Ich bin mir gar nicht so sicher, ob alle diese Blätter – sprechen wir jetzt mal von den „klassischen Medien“ – so ideologisch sind.
    Tendenz rechts natürlich schon.
    Die Besitzer von Burda, Springer und Bertelsmann sind alle drei begeisterte Merkel-Fans. Das ist natürlich schon eine gewaltige Medienmacht.

    Ich glaube aber dennoch nicht, daß man das mit Hugenberg vergleichen kann.
    Die sind alle auch recht flexibel und wenn man damit ordentlich Geld verdienen kann, schreiben die auch genauso gerne Lena Meyer-Landdepp, Stefan Raab, die Damen Curling-Mannschaft, oder wen auch immer hoch.

    Bedenklicher finde ich eigentlich, daß sich immer wieder diese Hypes entwickeln und dann aber auch alle dasselbe schreiben.
    Plötzlich gibt es dann gar keine abweichenden Meinungen mehr.

    Das war 2002 – 2005 zum Beispiel ganz extrem mit einer durchgehend anti-rotgrünen Stimmung, als plötzlich auch die einstmals eher linksliberalen Blätter STERN und SPIEGEL mit einer sagenhaften Aggressivität gegen Fischer und Schröder gehetzt haben.
    Gabor Steingart (Spiegel) und Hans Ulrich Jörges (Stern) hatten geradezu Schaum vor dem Mund und den Untergang Deutschlands an die Wand gemalt.

    http://tammox.blogspot.com/2007/10/pudding-der-wand.html

    Da wurde Merkel zu ihrer Heldin, ohne daß einer auch mal eine Minute damit verschwendet hätte nach einem CDU- oder FDP-Konzept zu fragen.
    (Das gab es nämlich damals wie heute nicht.)

    Insofern bin ich eigentlich immer schon zufrieden, wenn ich wenigstens verschiedene politische Meinungen in der Presse finde.

    In anderen Gebieten gibt es ja Konsens darüber was toll ist und was nicht: Michael Schuhmacher, Beckenbauer, Käßmann, Lena ML, Fußball, heiße Sommer, Veronica Ferres, Guttenberg, etc – da ist immer klar, daß 100% das toll finden.
    (Offenbar bin ich der einzige Mann der Erde, der das anders sieht)

  4. rauskucker Says:

    Ich laß das mal so stehen. (weil führt vom Thema weg.)
    Aber: nein, du bist nicht allein! Die Käßmann finde ich ganz OK, aber beim Rest sind wir schon mal zwei.

  5. willy Says:

    hallo Rausgucker!
    Erst mal vielen Dank für den Artikel von Dir!
    Meine volle Zustimmung!
    Aber wenn Du hier schreibst: „Vielleicht sollte ich (oder Zapp) mal mehr kucken, was nachmittags bei „Brisant“ so an Irrsinn abläuft.“
    dann muss ich Dir sagen, dass das „anspruchsvolle Magazin“ des Massiv Depremierenden Rundfunks (MDR) bereits im Vormittagsprogramm der ARD läuft. Die tägliche Sendezeit beträgt somit an fünf Wochentagen mittlerweile jeweils 90, also wöchentlich 450 Minuten, während dessen die Sendezeit der Politmagazine (Report, Fakt, Monitor, Panorama) an zwei Wochentagen von 45 auf 30 Minuten, also auf 60 Minuten wöchentlich geschrumpft wurde.

  6. Die Partei der Arschlöcher « rauskuckers Blog Says:

    […] Erkenntniszugewinn: wir brauchen wohl gar nicht lange rätseln, wie wir die neue rechte Partei der Steinhöfel, Sarrazin, Steinbach, Heinsohn, Diekmann und Kameraden nennen wollen – das hat Sarrazin doch […]

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s


%d Bloggern gefällt das: