Archive for the ‘International’ Category

Herr Gniffke, sind Sie ein Rassist?

25. März 2012

Was haben diese drei Ereignisse aus den letzten drei Monaten gemeinsam?

Bei einem Krieg zwischen zwei Völkern in Jonglei (Südsudan) werden mehrere Tausend Menschen getötet, zeitweise werden ebenfalls mehrere Tausend Frauen und Kinder von jungen Männern des jeweils gegnerischen Stamms entführt. Die UN und die Regierung schicken Soldaten, die wieder für Ruhe sorgen. Es ist die Rede von Völkermord und Menschheitsverbrechen. Als Hauptproblem werden die massenhaft vorhandenen modernen Waffen angesehen.

In Brazzaville explodiert ein Munitionslager, ein ganzer Stadtteil wird komplett verwüstet, Hunderte Menschen sterben, viele Leichen liegen noch nach Wochen unter den Trümmern, sodaß bis heute keine genaue Opferzahl bekannt ist, vermutlich zwischen 500 und 1000. Etwa 15.000 Menschen werden obdachlos, eine internationale Hilfsaktion kümmert sich um Überlebende in Notlagern.

In Mali putscht das Militär gegen den demokratisch gewählten Präsidenten. Die Soldaten kämpfen seit Monaten gegen Rebellen des Tuareg-Volkes, die zuvor in Libyen an der Seite von Gaddafi standen und jetzt im Norden Malis einen eigenen Staat gründen wollen. Es gibt Vermutungen über Verbindungen der Rebellen zu Al Kaida. Die malischen Putschisten meinen, die alte Regierung habe den Kampf gegen die Rebellen vernachlässigt. Der Putsch wird weltweit verurteilt.

Alle drei Ereignisse spielen in Afrika. Alle drei betreffen die ganze Welt. Und alle drei kamen nicht in der Tagesschau.
Ich möchte gerne von der ARD eine Antwort bekommen, warum das so ist.

Ein paar mögliche Begründungen:

1. Es gab keine Bilder, man wußte zu wenig, wir hatten keinen Korrespondenten dort:

In Brazzaville hatte zunächst kein Sender Reporter, es gab aber beeindruckende Videobilder von der Explosion und später ausführliche Berichte von französischen Kamerateams aus der zerstörten Stadt. Aus Jonglei gab es tatsächlich wenig Bilder, aber von Anfang an hatten andere Sender ausführliche und präzise Informationen, teils von den UN, teils von Korrespondenten im Lande. Über den Putsch in Mali gibt es eine Fülle von Berichten, Stellungnahmen, Informationen, Hintergründen. Bilder sind hier nicht so wichtig, außerdem gab es welche, z.B. eine anschauliche Erklärung der Putschisten im Staatsfernsehen.
Sender wie Al Jazeera, BBC und TV5 hatten jedenfalls keine Probleme, über alle drei Ereignisse ausführlich zu berichten. Auch arte und Euronews haben (selbstverständlich) berichtet.

2. Es gab gerade Wichtigeres:

Ja, natürlich. Reissäcke. Bundesprediger. Fußbälle. Rennraser. Liederwettbewerbe. Und Amerikaner. Zur gleichen Zeit, als in Brazzaville etwa 500 Menschen starben, starben bei Tornados in den USA etwa 50. Die wurden in der Tagesschau (und in allen anderen deutschen Nachrichtensendungen) tagelang ausführlich und im Detail gewürdigt.

3. Die Explosion von Brazzaville war unpolitisch. Unfälle sind nur relevant, wenn dabei Deutsche zu Schaden kommen:

Das Argument wäre zwar häßlich, aber ernstzunehmen. Allerdings hat die ARD eine Woche später sehr groß über einen für Deutschland komplett irrelevanten Verkehrsunfall in der Schweiz berichtet. (Ich möchte jetzt nicht ausrechnen, wieviele der Opfer in Brazzaville Kinder waren …)

4. Wir haben am xx. um yy Uhr fünfzehn Sekunden lang über zz berichtet:

OK, das habe ich dann wohl übersehen.

Ich möchte gerne von der ARD, z.B. von Herrn Gniffke, eine Begründung dafür bekommen, warum ich nicht der Meinung sein sollte, daß der Grund im Rassismus der Journalisten bei der Tagesschau zu finden ist. Dem gleichen Rassismus, den ich 1994 beim unsäglichen Desinteresse der deutschen Medien am zweiten Holocaust, dem in Ruanda, festgestellt habe und der mich damals zu meinem neuen Beruf gebracht hat.

Falls es Jemand nicht glauben sollte: wenn Tageschau oder Tagesthemen drüber berichtet hätten, hätte ich das im „rauskuck“ aufgeschrieben, die jeweiligen Seiten (Südsudan, Brazzaville, Mali) sind oben verlinkt.  (Mit „Tagesschau“ meine ich die 20-Uhr-Sendung.)

Ansonsten bin ich ernsthaft gespannt, wann uns die Tagesschau das Ergebnis der höchst spannenden Präsidentenwahl in Senegal mitteilen wird. Daß dort überhaupt gewählt wurde, und welcher Krimi sich vorher und danach abspielte, darüber gab es bislang beim deutschen Nachrichtenflaggschiff genau zwei Berichte.

Nachtrag: bislang hat wohl noch  niemand bei der ARD meine Frage gehört. Und, wie erwartet, hat die Tagesschauredaktion den demokratischen Machtwechsel in Senegal nicht für würdig befunden, in den 20-Uhr-Nachrichten erwähnt zu werden. Eine Kurzmeldung am frühen Montagmorgen mußte reichen.

Gaddafi’s lost last Words

25. Oktober 2011

 „Das ist nach dem (islamischem) Gesetz falsch und verboten. Könnt ihr richtig und falsch unterscheiden?“

Das waren die letzten, jedenfalls die letzten dokumentierten Worte des Muammar al Gaddafi, eines guten Freundes des italienischen Diktators Berlusconi. Im deutschen Fernsehen ist die Szene, wo er diese Worte zu seinen Mördern sagte, nicht gezeigt worden. Es gibt davon mindestens zwei Videos bei YouTube, hier und hier, und ein weiteres in diesem recht interessanten Artikel, die zwar sehr verwackelt sind, aber eine eindeutige Zuordnung der Worte erlauben. Letzten Freitag hat der britische Sender Sky News die Szene auch gezeigt, mit der oben zitierten Übersetzung („This is wrong in Islamic Law. It’s forbidden in Islamic Law. Do you know Right from Wrong?“)

Da mir das als ein wichtiges Dokument der Zeitgeschichte erschien und es eben nirgends richtig gezeigt wurde, habe ich den Beitrag von Sky News bei Vimeo eingestellt, wo er unter dem Titel „Gaddafi’s last Words“ drei Tage lang zu sehen war und auch recht häufig abgerufen wurde (über 250 mal. Für dieses kaum bekannte Portal und für meine Verhältnisse ist das viel.) Gestern abend wurde das Video gelöscht. Vimeo teilte mir per Mail mit, daß dort alle meine Videos gelöscht wurden, weil diese Mitschnitte von TV-Sendungen enthalten, was nach den Richtlinien der Firma verboten ist. Unterschrieben mit „Love, Vimeo.“ Jetzt erscheint dort nur noch dieser Hinweis:

(Noch ein paar Sätze mehr zu dem Video und seinem Nichtauftauchen in den Medien heute im rauskuck.)

Ironischerweise bekam ich ebenfalls gestern den Hinweis, daß meine Videos der „Proletenpassion“ (in 6 Teilen), die YouTube aufgrund falscher Ansprüche von Sony seit Februar 2010 für Deutschland gesperrt hatte (nachzulesen hier) , jetzt wieder verfügbar sind. Keine Ahnung, ob das nun von Dauer ist oder nur ein Versehen. Mein Account bei YT ist jedenfalls für mich leider immer noch unerreichbar, weil YT der Ansicht ist, ich müsse mich mit meinem nicht vorhandenen Google-Konto dort anmelden, sodaß ich dort haufenweise Nazi-Kommentare nicht mehr löschen kann, vor allem bei dem Video „Volksverhetzung im ZDF“.

Syrien: BBC sendet fehlerhaftes Video

4. Mai 2011

Den gleichen Film hat Euronews schon am Montag als angebliches Material aus „Deraa, 29.4.2011“ gebracht, in den Nachrichten und bei „No Comment“. Dort ist er immer noch so online:

Gestern kam er auch bei der BBC, mindestens zweimal (12:15 und 13:15 MESZ), mit der Angabe „Deraa, 30th April“:

Tatsächlich sind die Aufnahmen von herumliegenden Motorrädern auf einer Landstraße und augenscheinlichen (bzw. zu hörenden) Schüssen aus Maschinenwaffen aber bereits einen Monat vorher entstanden, in der Nähe des Ortes Sanamin. Zu sehen in einem Beitrag bei Al Jazeera English vom 1.4.11 :

Ich habe Euronews Montag mehrfach wegen des Fehlers angeschrieben, aber deren „feedback“-Seite wird anscheinend nicht gepflegt. Eine E-Mail-Adresse gibt der Sender nicht an. Mal sehen, ob die BBC reagiert.

Es wird zur Zeit sehr viel gefälscht und gefaket, nicht nur in Syrien und Pakistan. Ich vermute, daß hier die BBC nur einen Fehler gemacht hat, keine gezielte Fälschung. Dann sollten sie diesen aber richtigstellen.

Der libysche Bürgerkrieg im Fernsehen, jetzt

21. Februar 2011

aber nicht im deutschen (obwohl das ZDF sich ehrlich bemüht!), darum hier schon wieder der Link zum

Al Jazeera English Live Stream

oder zum Mitlesen:

Das Live Blog Libyen von Al Jazeera English

Hosni Hosni Checheche

11. Februar 2011

ein kurzeslife block

http://ondemand-mp3.dradio.de/file/dradio/2011/02/11/dlf_20110211_1854_1da8a842.mp3

Sie sagt, sie will die Demokratiebewegung auch in Deutschland unterstützen. Auch wenn sie das anders meint, aber: die hätten wir dringend nötig. Die Leute hier wissen doch überhaupt nicht mehr, was Demokratie ist, und warum das sowas tolles wäre.

Ich meine, ihr habt jeden Grund auf uns alle sauer zu sein, daß wir von eurem Elend profitiert haben, im Sommer zu euch runtergefahren sind um uns dort das malerische Elend und die Pyramiden anzugucken, manche euch noch abfällig als arme Neger verachten, und uns dann am Tag eurer Revolution nicht für euch zu interessieren? Ich bin ja auch sauer auf uns.

Bis jetzt kein Autokorso da unten bei mir.

Die Revolution im Fernseh

11. Februar 2011

Seit einer halben Stunde zeigt Al Jazeera nichts als jubelnde Menschen, Millionen von Leuten auf den Straßen, die sich in den Armen liegen, tanzen, weinen, feiern. Ungefähr so, wie am Tag der Maueröffnung, nur 300 Mal mehr Leute, und 1000 mal fröhlicher.
Bei Phoenix hat man nach fünf Minuten bemerkt, daß irgendwas passiert sein muß („Al Jazeera hat gemeldet, daß …“) und läßt darum zwei Experten über die Gefahren der Müslibrüder diskutieren. Der „Nachrichtenkanal“ N24 entschließt sich, seine Doku über Baumaschinen zu unterbrechen, damit deren „Reporter“ dummes Zeug reden können.
Und jetzt kommt Westerwelle im Ersten und entschuldigt sich bei den Ägyptern.

Ich hörte, daß dort jetzt ein sogenannter „Oberster Rat der Streitkräfte“ regiere. Also so ne Art Räterepublik.

 

Herr Gniffke mag meine Texte nicht.

4. Februar 2011

Oder warum hat er diesen Teil meines Kommentars in seinem Tagesschau-Blog löschen lassen:

Die TS heute war eine Frechheit. Da werden Dinge, die man live bei jenem anderen Sender*  miterlebt hat, als Mutmaßungen dargestellt: “ … von Schlägertrupps soll die Gewalt ausgegangen sein.“ Und „Die anfangs friedliche Revolte ist heute umgeschlagen in Gewalt.“ Wie bitte? Die 200 von Polizisten ermordeten Demonstranten von letztem Freitag, schon vergessen? Die Revolte ist nicht umgeschlagen, das Regime hat sich nur wieder aufgerappelt. Entlassen Sie bitte den Redakteur, der solche Unsinnstexte verfasst.
Dann der Brennpunkt, eigentlich ganz OK. Auch daß Frau Brucker den Minister fragt, warum er nicht endlich Mubarak zum Rücktritt auffordere, fand ich gut. Aber warum hakt sie auf seine selten alberne Antwort nicht nach.
„Wer das ägyptische Volk führt, das ist eine Entscheidung des ägyptischen Volkes.“, sagt dieser Rotzlöffel.
Das ägyptische Volk hat sich aber sehr deutlich schon entschieden, und könnte ein wenig Unterstützung brauchen. Warum verweigern Sie diese, Herr Westerwelle, welche Interessen vertreten Sie da? Doch offenbar nicht das Wohl Deutschlands.
Ich verlange, daß dieser xxx Kerl sofort als Außenminister zurücktritt. (Die drei derben Schimpfwörter habe ich lieber weggeixt.) **

* gemeint ist Al Jazeera, davon war vorher schon die Rede. Herr Gniffke kennt den Sender offenbar nicht.

** und zwar im Original, daran lag’s also nicht.

Anzumerken ist noch, daß ich mir heute morgen beim Anhören der TS von gestern erneut die Haare gerauft habe. Ist da eine geheime Kooperation mit der „Bild“ am Werke, mit dem Ziel, die Deutschen endgültig zu verblöden? Würde mich ja nach diesem Artikel neulich und erst recht diesem hier davor nicht sonderlich wundern.

Nachtrag: meinen Kommentar zu einem anderen Blogartikel heute hat Herr Gniffke ebenfalls nachträglich gelöscht. Darin habe ich ihm (natürlich höflich) erklärt, daß er den Sender Al Jazeera English offenbar nicht kennt, sonst würde er nicht solchen Unfug über diesen behaupten. Scheint keine Kritik abzukönnen, der Herr. Diesmal hatte ich leider nicht abgespeichert. Sollte man immer tun. Mindestens einen anderen lesenswerten kritischen Kommentar habe ich dort eben auch verschwinden sehen.

The revolution will not be televised ?

28. Januar 2011

The revolution is being televised!

Al Jazeera English: Live Stream

Tunesien und die Arabische Revolution

19. Januar 2011

Ich habe im rauskuck ja in letzter Zeit sehr viel über Tunesien zu berichten gehabt und über die Reaktionen in den anderen arabischen Ländern auf die Tunesische Revolution. Ich schaffe es kaum, mir die TV-Berichte alle wirklich anzusehen, geschweige denn, noch viel darüber zu lesen, muß also aus eigener Überlegung meine Schlußfolgerungen und Bewertungen finden.

Und so freue ich mich, wenn ich meine Ideen dann beim großen Werner Pirker in der „jungen Welt“ in einem Kommentar wiederfinde, mit ähnlich hoffnungsfrohen Erwartungen, teilweise mit den gleichen Worten. Er formuliert  natürlich differenzierter und präziser, umsomehr empfehle ich seine fast täglichen Kommentare, speziell diesen: „Gar nicht bunt“ (17.1.11), dessen Schlußabsatz so lautet:

„Als »arabische Revolution« wurde in den 1960er und 70er Jahren die Gesamtheit der gegen Imperialismus, Zionismus und arabische Reaktion gerichteten Bewegungen bezeichnet. In Tunesien könnte sie erstmals wirklich begonnen haben.“

„The Pipe“ (wie in Stuttgart)

12. Dezember 2010

Wenig von mir in letzter Zeit, jedenfalls hier. Wenn man so wenig Resonanz bekommt, auch bei wirklich wichtigen Anregungen, läßt die Schreiblust doch nach.
Drüben im „rauskuck“ schreibe ich mir aber immernoch täglich die Finger wund, auch wenn das dann nur drei Leute lesen wollen. Heute zum Beispiel über einen Beitrag, den das iranische „Press-TV“ gestern brachte, und der eigentlich jeden Stuttgarter Bahnhofsschützer interessieren muß:

Im Filmmagazin „Cinepolitics“ Ausschnitte aus dem Film „The Pipe“ von Risteard O’Domhnaill über die Proteste der Bewohner des Dorfes Rossport an der irischen Küste gegen den Bau einer Gas-Pipeline über ihr Land durch den Shell-Konzern Ende der 90er-Jahre. Ähnlich wie in Stuttgart hat niemand die Menschen gefragt, und die unverständige Staatsmacht ließ es auf einen regelrechten Krieg (zu Lande und zu Wasser) zwischen bezahlter staatlicher und privater Polizei und der völlig friedlichen (aber wütenden) Bevölkerung ankommen. Wie üblich war das Volk gespalten, einige hofften auf sog. „Arbeitsplätze“. Nachdem die Anlage gegen den Widerstand des Volkes fertiggebaut wurde, hat 2009 ein Gericht entschieden, daß der Bau aus Sicherheitsgründen illegal ist und die Anlage nicht in Betrieb gehen darf.  –  Über den Film spricht Russell Michaels mit Matt Bochenski („Little white Lies“) und Rob Lyons („Spiked online“). Ansehen! (den Beitrag und den Film).

Den „Cinepolitics“-Beitrag kann man sich dort in voller Länge (24 Min.) ansehen.
Lesenswert auch die Homepage von „The Pipe“.

Inzwischen gibt’s den Press-TV-Beitrag auch bei YT, in drei Teilen: