Archive for the ‘Öko’ Category

„The Pipe“ (wie in Stuttgart)

12. Dezember 2010

Wenig von mir in letzter Zeit, jedenfalls hier. Wenn man so wenig Resonanz bekommt, auch bei wirklich wichtigen Anregungen, läßt die Schreiblust doch nach.
Drüben im „rauskuck“ schreibe ich mir aber immernoch täglich die Finger wund, auch wenn das dann nur drei Leute lesen wollen. Heute zum Beispiel über einen Beitrag, den das iranische „Press-TV“ gestern brachte, und der eigentlich jeden Stuttgarter Bahnhofsschützer interessieren muß:

Im Filmmagazin „Cinepolitics“ Ausschnitte aus dem Film „The Pipe“ von Risteard O’Domhnaill über die Proteste der Bewohner des Dorfes Rossport an der irischen Küste gegen den Bau einer Gas-Pipeline über ihr Land durch den Shell-Konzern Ende der 90er-Jahre. Ähnlich wie in Stuttgart hat niemand die Menschen gefragt, und die unverständige Staatsmacht ließ es auf einen regelrechten Krieg (zu Lande und zu Wasser) zwischen bezahlter staatlicher und privater Polizei und der völlig friedlichen (aber wütenden) Bevölkerung ankommen. Wie üblich war das Volk gespalten, einige hofften auf sog. „Arbeitsplätze“. Nachdem die Anlage gegen den Widerstand des Volkes fertiggebaut wurde, hat 2009 ein Gericht entschieden, daß der Bau aus Sicherheitsgründen illegal ist und die Anlage nicht in Betrieb gehen darf.  –  Über den Film spricht Russell Michaels mit Matt Bochenski („Little white Lies“) und Rob Lyons („Spiked online“). Ansehen! (den Beitrag und den Film).

Den „Cinepolitics“-Beitrag kann man sich dort in voller Länge (24 Min.) ansehen.
Lesenswert auch die Homepage von „The Pipe“.

Inzwischen gibt’s den Press-TV-Beitrag auch bei YT, in drei Teilen:

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Wer will S21, wem nützt es?

1. Oktober 2010

Um das zu verstehen (und nicht dem abwegigen Gedanken zu verfallen, es könne dabei etwa irgendwie um Bürgerinteressen, etwa an besseren Zugverbindungen, gehen) sind zwei Beiträge der ZDF-Sendung „Frontal 21“ sehr hilfreich, vom 2.3.2010 und vom 21.9.2010

Meine Zusammenfassungen im „rauskuck“ dazu gingen so (jeweils unter der Rubrik „BRD / Korruption“):

„Milliardenloch im Schwabenland“ – In Stuttgart verbuddeln Bahn, Baufirmen und Landesregierung sinnlos Milliarden Steuergeld, gegen den Widerstand der Bürger. Das war bekannt. Heute gab es ein paar nette Details dazu: Auftraggeber, Ausführende und Profiteure bilden ein geschlossenes Netzwerk. Fragen nach der Finanzierung durch Bundesmittel beantworten die Mafiamänner nicht, eine kritische Studie des Bundesrechnungshofs kennen sie nicht. Und daß es auch um private Gewinne durch den Verkauf öffentlicher Grundstücke gehen soll…

„Bahn im Größenwahn“ – Frontal21 über unsinnige und überteuerte Großprojekte der Bahn. Während weiterhin im Regionalverkehr Strecken stillgelegt und Züge eingespart werden, werden für Schnellbahnlinien Milliarden in den Sand gesetzt. Teilweise unnötige Verbindungen, immer die teuerste (statt der zweckmäßigsten) Variante. Stuttgart 21 ist nur ein Beispiel von vielen. Der Beitrag unterstellt, daß es dabei um Gewinne für die Bahn (auf Kosten des Bundes) gehe. Daß vor allem die Bauwirtschaft davon profitiert (wie auch vom Bau und Unterhalt immer neuer überflüssiger Autobahnen) bleibt leider unerwähnt. Trotzdem eine erstaunliche Recherche.

Everything Crash

19. September 2010

Ein Nachtrag zum Artikel „Eine Energie mit Zukunft“ und der dort geführten kleinen Diskussion. Den Soundtrack dazu habe ich heute irgendwo aufgeschnappt:

Edit: Sony, diese Drecksbande!

The Ethiopians, von 1968. Der Text geht so:

Look deh now, everyting crash!
Firemen strike, watermen strike
Telephone company too
Down to policemen too!
What damn bad a-morning, can’t come good a-evening, whoi!
Every day carry bucket to the well,
One day the bottom ( …) must drop out.
What gone bad a morning
Can’t come good a evening

Doofe Überschrift

7. September 2010

Ich gebe zu, ich würde einen Artikel mit der Überschrift „Eine Energie mit Zukunft“ auch nicht anklicken. Das Wort „Zukunft“ ist zu oft für Propagandazwecke benutzt worden als daß man darunter einen Text vermutet, der es als bitteren Sarkasmus erkennen läßt.

Aber auf einen Text mit der Überschrift „Doofe Überschrift“ geht dann bestimmt auch keiner.

Eine Energie mit Zukunft

7. September 2010

Gegen das Weiterlaufenlassen der Atomreaktoren gibt es noch ein ganz anderes Argument, das ich mal zu erklären versuchen will. (Sollte Jemand unter den Lesern dazu passende Links wissen, bitte her damit!)

Im Grunde weiß es Jeder, auch und gerade die vor sich hinregierende korrupte Deppenbande: Es geht zuende mit dieser Zivilisation. Es wird irgendwann in einigen Jahren eine Welt geben ohne zentrale Staaten, ohne zentrale Versorgungssysteme, ohne irgendwas von dem, woran wir uns gewöhnt haben. Es wird aber noch Menschen geben, wenn auch, dank der Verantwortungslosigkeit unserer Eliten und wegen der dann unerbittlich zuschlagenden ökologischen Fakten, erheblich weniger als heute. Je später der Zusammenbruch erfolgt, desto weniger.

Ab dem Tag, an dem die Stromnetze zu Existieren aufgehört haben werden, wird es Niemandem, auch mit allem zunächst noch vorhandenen Ingenieurswissen, möglich sein, einen Kernreaktor auch nur herunterzufahren, geschweige denn, den Kernbrennstoff herauszuholen und in so etwas wie ein Dauerlager zu bringen. Diese Reaktoren mit den darin enthaltenen Tonnen an hochangereichertem Spaltmaterial werden für die nächsten Jahrmillionen dort herumstehen, weiterstrahlen und irgendwann verrosten. Wenn sie nicht schon am ersten Tag durchgeschmolzen sind und sich auf den Weg nach China Australien gemacht haben. Sie werden für Tausende von kommenden Generationen eine tägliche Bedrohung darstellen, um sie herum wird es dauerhafte Todeszonen geben, von denen sich bestenfalls das Wissen erhalten wird, daß menschliches Leben hier nicht möglich ist. Das Schlimmste ist, daß sie ein „Wiederhochfahren“ einer irgendwie gearteten technischen Zivilisation auf Jahrmillionen behindern, wenn nicht unmöglich machen werden. Ähnliche Wirkungen gehen auch von Chemieanlagen und vielen anderen Hinterlassenschaften der kapitalistischen Epoche aus, aber meist nur zeitlich begrenzt.
Kommende Generationen im dann früheren Deutschland werden Frau Merkel und ihren „Atomkompromiß“ dafür verfluchen, daß sie es verhindert hat, daß die Reaktoren rechtzeitig abgeschaltet und eingemottet wurden. Obwohl: auch nach dem rot-grünen Ausstiegsplan wäre es in einigen Fällen wohl dafür zu spät geworden.

In (einem noch unveröffentlichten Kapitel) meiner Erzählung „Das Zeitenfenster“ habe ich übrigens eines dieser früheren Kraftwerke erwähnt, das der Erzähler in etwa 5000 Jahren immer noch am Horizont sehen kann. Genauer gesagt: die ewige Dampfwolke, die dort entsteht, wo der Reaktor das Wasser des um etwa 10 Meter angestiegenen Meeres zum Kochen bringt.

Ragnarök auf Diddelmaus-Niveau

20. Juli 2010

Aus einer Reihe von Gründen, die im Einzelnen zu erklären es mir leider gerade zu heiß ist, muß ich endlich mal dieses 3 Jahre alte „Kloß und Spinne“-Video hier reinstellen. (Einer ist die kurze aber anschauliche Veranschaulichung des Begriffs „Entropie“…)

Tschüß denn !(vorsorglich)

14. Juli 2010

Letzte Woche habe ich irgendwo geschrieben (ich kommentiere ziemlich viel in anderen Blogs und verliere dann die Übersicht, ich weiß also nicht mehr wo), daß es, wenn diese Hitze noch 3 oder 4 Wochen andauern würde, bei den AKWs ernste Probleme mit der Kühlung geben würde.

Darum mußte ich eben laut lachen, als ich beim Spiegel (auf den ich nicht verlinke) folgendes unter der Überschrift „Flusswasser zu warm – Atomkraftwerken droht der Hitzestopp“ las:

Ein Zusammenbruch der Stromversorgung drohe aber nicht, so Gönner.

welches die Umweltministerin von Ba.-Wü. ist. Verdammt, so schlimm ist es also schon! Etwas weiter unten wurde auch auf die Gegenmaßnahmen eingegangen:

In einigen Supermärkten … werden bereits Ventilatoren und tragbare Klimaanlagen knapp.

Klimaanlagen. Das wird den Stromverbrauch sicher reduzieren. Leider wird ggf. dann auch das Internet mit abstürzen. Weshalb ich mich schonmal vorsorglich von all jenen verabschieden möchte, die ich mit meinem Fahrrad dann nicht erreichen können werde. Macht’s gut da draußen.

PS.: Ich würde Jedem, der vorhat, mit einem Zug zu reisen, bei dem sich möglicherweise ohne Strom die Türen nicht öffnen lassen, raten, sich rechtzeitig mit der Funktionsweise des Nothammers vertraut zu machen. Man muß mit  diesem auf eine bestimmte markierte Stelle des Fensters schlagen.

Walrechte

23. Juni 2010

Aktuelles aus dem rauskuck:

In einem Bericht von Rob Reynolds bei Al Jazeera erklären Wissenschaftler (Tom White und Richard Ellis) den neuen Ansatz, nach dem Wale geschützt werden sollen, indem man ihnen grundsätzlich die gleichen Rechte wie Menschen zuerkennt, das heißt zuallererst das Recht auf Leben. Wale haben ein persönliches Bewußtsein, haben eine Kultur und ein differenziertes Sozialverhalten, und sie sind möglicherweise wesentlich intelligenter als Menschen (wenn auch nach für uns nicht berechenbaren Maßstäben). Die Walschützer sind von Präsident Obama enttäuscht, der sein Wahlversprechen nicht einhält, das Ende des Walfangs durchzusetzen.

[Artikel erschienen im rauskuck vom 22.6.2010]


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Menschheit hopps

9. Dezember 2009

Karl Weiss hat ein sehr lesenswertes „Dossier Klimakatastrophe“ geschrieben. In neun Punkten erläutert er darin, was auf uns zukommt, im zehnten geht es darum, was zu tun wäre. Das ganze ist ungewöhnlich realistisch und unprätentiös verfasst, keineswegs „alarmistisch“, wie neuerdings der Standardvorwurf lautet.
Leider kann man in Karls Blog nur per Anmeldung kommentieren, deshalb hier zwei Kritikpunkte an seinem Text:

In Punkt 6 geht es um das Verschwinden der Pflanzen. Darin behauptet Karl, es würde dann

„fast keine normalen Regenfälle mehr geben, sondern fast nur noch schwerste Unwetter mit ’stärker als Orkan‘-Stürmen, sintflutartigen Regengüssen…“

Dies halte ich in dieser Eindeutigkeit für eine nicht bewiesene These. Ich bin nicht mal sicher, daß auf Dauer Starkwetterereignisse wirklich zunehmen werden. Es gibt auch meteorologische Gründe, die bei einer Erwärmung das Gegenteil annehmen lassen. (Abflachung des Temperaturgefälles zwischen den Klimazonen.)
Allerdings werden die Ökosysteme, insbesondere die Wälder, durch die wiederholte rabiate Verschiebung der Klimazonen in großen Stress geraten. Und Erosion und Bodendegradation sind auch so schon schwerwiegende Probleme.
Einen Zusammenbruch der weltweiten Nahrungsproduktion sehe ich eher als Folge des absehbaren Zusammenbruchs der Industrieen kommen.

Nicht viel anfangen kann ich mit Karls zehntem Punkt.

„10. Was können wir noch tun, um das zu verhindern? – Wir müssen schnellstens eine mächtige und entschlossene Umweltbewegung schaffen, …“

Ich weiß nicht, wer dieses ominöse „Wir“ sein soll. Ich sehe auch weltweit fast nirgendwo (vielleicht in Indien) größere Menschengruppen die jetzt, bevor die Katastrophe noch wirklich spürbar geworden ist, solches leisten wollten oder könnten.

Ich bin Pessimist. Ich habe all die Bücher gelesen, in denen es um das drohende Ende der Menschheit geht. Von Herbert Gruhl über von Ditfurth bis Jared Diamond („Kollaps“) und Harald Welzer. Und bin jedesmal etwas genervt, wenn sie am Ende ihrer gut belegten Schilderungen doch noch versuchen, Hoffnung zu machen. Daß „wir“ vielleicht doch noch die Kurve kriegen. Aber bislang habe ich noch nicht gemerkt, daß auch nur irgendjemand ernsthaft am Lenkrad drehen würde.
(Und als Radfahrer werde ich auf der Straße heutzutage angesehen wie ein Außerirdischer. Und bin wohl der Einzige Bürger meiner Stadt, der die Heizung erst anmacht, wenn es draußen friert. Will sagen: die merken alle gar nicht mehr, daß ihre Lebensweise nicht normal ist.)

Die Menschheit wird untergehen. So wie jeder Einzelne irgendwann stirbt. (Und wie es aussieht, wird es bei der Menschheit eher nicht mehr sehr lange dauern. Auch wenn das Sterben sich aus der Sicht der Menschen vermutlich recht lange hinziehen wird.)
Ich mag lieber mit dieser Erkenntnis leben als mit irgendwelchen hoffnungmachenden Lügen.

Noch der Hinweis auf die deutlichen Worte des Klimaforschers James Hansen im Guardian (auf deutsch etwas flach zusammengefasst bei Telepolis) über den Kopenhagener Gipfel. Seine Art von Optimismus kann ich schon eher ertragen:

„It may be that we have already committed to a future sea level rise of a metre or even more but that doesn’t mean that you give up. Because if you give up you could be talking about tens of metres. So I find it screwy that people say you passed a tipping point so it’s too late.“

„GeWoBa“, mit Ge wie „gemeinnützig“

26. August 2009

Als ich vor zwei Jahren mit der Internet-Schreiberei anfing, habe ich mal angekündigt, mich nicht nur um das große Ganze kümmern zu wollen, sondern auch um die kleinen Schweinereien bei mir vorm Fenster. Eine solche findet gerade statt.

„Wir können Ihnen die erfreuliche Mitteilung machen, dass…“, so fängt die Hölle an. Mit einem netten Brief verkündete im April meine WoBa, daß demnächst zwecks Wärmedämmung unser Hochhaus einige Monate zur Baustelle werde und danach die Miete erhöht werde. Der Brief beschäftigte sich vor allem mit der Berechnung der finanziellen Folgen für die Mieter. Man bat dann noch um die Zustimmung dafür, daß man mit den Arbeiten sofort beginnen dürfe.

Ich habe damals zurückgeschrieben.

„Sehr geehrte Frau …
Zunächst möchte ich Ihnen dafür danken, daß Sie diesmal die Mieter vor  dem Beginn von Baumaßnahmen um Zustimmung bitten.
Meine Antwort: NEIN!
1. Nein, ich bin nicht damit einverstanden, Sie von der 3-monatigen Ankündigungsfrist zu entbinden.
2. Nein, ich bin auch mit den angekündigten Maßnahmen nicht einverstanden.
Begründung:
– Die von Ihnen berechnete Mieterhöhung von 16,87 Euro ist angesichts meiner monatlichen Heizkosten von  zuletzt ca. 29 Euro nicht angemessen.
– Ich halte diese Mieterhöhung auch für unangemessen angesichts der gerade mal 8 qm Wandfläche, die bei mir zu isolieren wären. Meine Außenwand besteht überwiegend aus (jetzt bestens isolierter) Fensterfläche.
– Ich bin auch nicht damit einverstanden, daß die Fläche meines Balkons um ca. 1/2 qm (durch die dicke Isolierungsschicht) verkleinert wird.
– Nach den erheblichen Beeinträchtigungen durch den Einbau der (hässlichen und unpraktischen) neuen Kunststoff-Fenster letztes Jahr bin ich nicht bereit, schon wieder für Ihren sinnlosen Aktionismus Zeit und Lebensqualität zu opfern.
– Durch den Klimawandel ist in Zukunft kaum noch mit kalten Wintern zu rechnen.  Dafür aber vermehrt mit heißen Sommern. Die Kosten für (elektrische) Kühlung werden schon bald weit über den Heizkosten liegen. Sie sollten deshalb lieber in geeignete Sonnenschutzsysteme investieren und mit den Mietern über entsprechende Lösungen nachdenken.
Schönen Gruß …“

Darauf bekam ich immerhin eine Antwort. Man nehme meine „Ablehnung zur Kenntnis“, jedoch: „letztendlich sind Sie als Mieter jedoch verpflichtet, die Durchführung der Maßnahme zu dulden.“  Man ging sogar kurz auf eines meiner Argumente ein: die Dämmung würde nämlich auch im Sommer eine Isolierung gegen Hitze von außen bewirken. – (Ich muß wohl nicht erläutern, daß das Unsinn ist. Die Hitze kommt durchs Fenster.)  – Hierzulande ist es offenbar unüblich, solche Umbaupläne mit den Bewohnern durchzusprechen und an deren Wünsche anzupassen.

Seit zwei Monaten sind sie jetzt am „Arbeiten“. Zum Glück erstmal auf der anderen Gebäudeseite. Die alten Schieferplatten Asbestplatten* an der Nordseite wurden heruntergerissen und zerstört, der Beton an der Ostseite wurde mit Wasserdruckstrahl gereinigt, und dann eine etwa 30 cm dicke Schicht aus billigstem Schaumstoff Schaumstoff und Steinwolle angebracht. Um diese zu verankern, werden Dübellöcher gebohrt. Von morgens 7:00 Uhr bis 17:00 Uhr, fast pausenlos, ich weiß nicht mehr genau seit wieviel Wochen. Und der Beton ist sehr gut, das heißt man hört es im ganzen Haus und laut. An normales Arbeiten ist dabei kaum noch zu denken.

Die meisten Leute die hier wohnen, leben von Transferleistungen. Hartz-4-ler, Rentner, Blogger und andere Lebenskünstler, Sozialfälle. Es hätte für sie keinen Sinn, wegen der menschenunwürdigen Lärmbelastung eine Mietminderung zu verlangen. Diese wäre an den Staat zurückzuzahlen.

Anschließend wird alles neu gestrichen, in durchaus geschmackvollen Farben. Da sind sie jetzt bei, irgendwo bohren sie aber auch immer.

Inzwischen fangen sie auf meiner Seite an. Zunächst wird das Gerüst gebaut. Da wo dieses jetzt steht, war vorher ein unordentliches Gebüsch, nichts Besonderes, aber immerhin 35 Jahre alt. Es wurde teilweise kurzgeschnitten, überwiegend aber mit den Wurzeln herausgerissen.

Etwa 10 Meter vom Haus stehen drei schöne 20 Meter hohe Pappeln. Über deren zum Haus weisende Wurzeln fahren jetzt ständig schwere Baufahrzeuge, der alte Trampelpfad ist zur Piste geworden. Muß ich erwähnen, daß der Rasen rundherum von den LKW der „Arbeiter“ plattgewalzt worden ist?

Die Westseite, meine Seite, ist dem hiesigen feuchten Wetter ausgesetzt. An den Balkonbrüstungen und an den Sichtsperr-Elementen haben sich überall Flechten angesiedelt. Flechten brauchen Licht und Wasser, hier haben sie beides. Sie wachsen sehr langsam, und um diese Ausdehnung zu erreichen, haben sie 35 Jahre gebraucht. Auf die Stabilität des Betons haben sie keine Auswirkungen. Wenn überhaupt, kann ihre Beseitigung zu einer Beschädigung führen.  Man muß sie nicht schön finden, kann es aber. Ich finde sie sogar sehr schön.

Demnächst werden sie also per Wasserstrahl entfernt. Wenn sie in 35 Jahren wieder die jetzige Größe erreicht haben werden, werde ich wohl tot sein, so wie fast alle die ich kenne, auch die Hausbewohner und die GeWoBa-Leute. Das Haus wird unten im Nordseewasser stehen, die Isolierung wird herunterblättern, durch die Dübellöcher wird der Beton allmählich erodieren. Die meisten Fenster werden zersprungen sein. Die Hitze im Sommer wird für die letzten noch hier Ausharrenden unerträglich sein.

Aber die Aussicht ist immer noch toll.

Da war es noch ruhig.

Da war es noch ruhig.

Balkonflechten

Balkonflechten

Nachtrag I und Korrektur: die schwarzen Platten, die wie Schiefer aussahen, waren nur Eternit. Bei deren Entfernung haben die Arbeiter Atemschutzmasken getragen.
Bei der bis heute andauernden extrem lauten Bohrerei tragen sie dagegen keinen Gehörschutz. Allein auf meinem Balkon habe ich 24 Bohrlöcher gezählt. Man hat aus unerfindlichen Gründen auch die  Trennwände zwischen den Balkonen in Isowolle verpackt.
Jetzt kommt die Südseite dran, ein Ende ist allmählich absehbar.  (13.10.09)